Ein wilder Ritt beim Helga Cup
Es ist wunderbar, wenn langgehegte Träume sich erfüllen. Einer von mir war seit vielen Jahren, einmal an der größten Frauenregatta der Welt, dem Helga Cup in Hamburg, teilzunehmen. Diese fand dieses Jahr zum 9. Mal im Juni statt. „Die Stadt Hamburg als Stadion, die Alster als Spielfeld“, so der Werbeslogan.
Im Januar habe ich ein Team gemeldet; da hatte ich noch keine Crew. Inken Greisner aus der SVUH und ich saßen beim Essen und beschlossen, da machen wir jetzt endlich mit. Schnell war der Name geboren: wir waren die Unterhavel Nixxen. Jetzt hieß es, den Rest der Crew zu finden. Diese formierte sich nach und nach, und zum Schluss waren wir 5 Frauen: Inken Greisner (SVUH), Barbara Fischer-Wasels (SVUH), Kerstin Dulce (VSAW), Beate Naber (PSB24) und Sophie Stauch (PSB24/SCG) aus unserem Juniorenteam.
Bis auf Sophie sind wir alle über 60, und nur Kerstin war schon einmal beim Helga Cup dabei. Barbara und ich hatten keinerlei Erfahrung auf der J70. Inken ist Regattaseglerin auf einer Sailhorse, und schnell war klar, dass sie unsere Steuerfrau sein würde. Gesagt getan: an einigen Mittwochen trafen wir uns zur Regattavorbereitung und segelten unter Anleitung unseres Juniorenteams viele Manöver und übten unsere Positionen: Barbara und ich Vorschiff, Kerstin Gennaker fahren und Traveller bedienen. Die Anforderungen an die Koordination und Geschwindigkeit sind groß, wenn man die Manöver gut und sicher fahren will. Vor allem die Gennaker-Manöver haben es in sich. Kraft und Geschicklichkeit sind beim Setzen und Bergen sowie beim Halsen erforderlich.
Die Bewegung um diese Regatta herum heißt WOW, women on water und in Berlin sind an dieser Bewegung mehrere Vereine beteiligt. An vorderster Front der Berliner Yachtclub, aber auch der VSaW und der SvSt. Beim Berliner Yachtclub gibt es viele Frauenteams, und jeden Samstag ab 14 Uhr kann man dort an einem Training teilnehmen. Das haben wir einmal gemacht und sind dort das erste Mal auf der J70 unter Regattabedingungen gesegelt. Betreut wurden wir von einem Trainer aus einem Bundesligateam, der uns viele nützliche Tipps gegeben hat. Startübungen gehörten dabei genauso zum Training, wie einen Kurs absegeln und Gennaker-Manöver üben. Das Startprocedere beim Helga Cup dauert nur 3 Minuten, entgegen der sonstigen Gepflogenheiten von 5 Minuten bei anderen Regatten.
Theoretisch haben wir uns mit den Regattaregeln, Vorfahrtsregeln und J70 spezifischen Fragestellungen auseinandergesetzt. Und irgendwie war schnell klar, wieviel Spaß es macht, dazu zu lernen. Als nicht Regattaseglerin (mal abgesehen von Regatten wie unsere FunCups) war da vieles neu und aufregend.
Gesegelt wird beim Helga Cup auf Bundesliga Booten. Die Boote werden gestellt, und in jedem Regattalauf segelt man auf einem anderen Boot. Die Wechselzeit am Steg beträgt 2 Minuten. Das ist Zeitstress! Und in diesen 2 Minuten muss man checken, ob mit dem Boot alles in Ordnung ist.
Bevor wir dann aber in die Regatta starteten, hatten wir am Tag vorher noch ein Training gebucht, um die Bedingungen auf der Alster kennenzulernen. Und schon da war klar, dass wir mit sehr heftigen Windbedingungen rechnen mussten, 6-7 Windstärken (bis 60 km/Std.); das war die Prognose und heftige Böen und Gewitter. Gut also, erst einmal das Revier kennen zu lernen und mit Trainer unterwegs zu sein.
Insgesamt wurde an 3 Tagen gesegelt in Kurzrennen (flights) von 10-15 Minuten. In jeder Gruppe segeln alle 63 Teams einmal, immer 7 Boote gegeneinander. Die Reihenfolge ist ausgelost; jede Platzierung bringt Punkte, und am Ende starten die 10 besten Teams und segeln um die ersten Plätze.
Wir waren verdammt nervös vor dem 1. Start am 1. Regattatag. Es war kalt, sehr böig, grauer Himmel, aber eine Megakulisse. Wir segelten mit Blick auf Elphi und Michel, hatten aber nicht wirklich die Zeit hinzuschauen, wenn wir auf dem Wasser waren.
Volle Konzentration war angesagt. Zuerst einmal galt es gut zu starten, die Startlinie abzufahren, eine gute Startposition zu ergattern und dann ging es los: Kreuzkurs zur Luvtonne und kurz vor der Tonne den Gennaker vorbereiten und nach der Tonne den Pole und den Gennaker zu ziehen, um dann auf dem Vorwindkurs zur Wendetonne zu segeln. Das war bei dem Wind eine extreme Anforderung, da es sehr böig war. Ich bin nie vorher so schnell gesegelt, es war als würden wir über das Wasser fliegen.
Einmal haben wir entschieden, den Gennaker nicht zu ziehen, das war unser Lauf. Alle anderen Boote fuhren mit Gennaker, machten Sonnenschüsse, legten sich in den Böen auf die Seite und wir segelten fröhlich an allen vorbei und ersegelten in diesem Lauf den 1. Platz. Vor Stolz wären wir fast geplatzt. Manchmal ist halt weniger mehr!

Unsere Devise für diese Regatta war:
- Keine größeren Löcher in andere Boote
- Keine Verletzten
- Spaß haben
- Nicht Letzte werden
- Hinterher noch miteinander reden
Alle diese Punkte sind in Erfüllung gegangen! Wir wurden 37. von 64 Teams. Damit waren wir mehr als zufrieden; denn das Feld war sehr ambitioniert. Viele hochklassige Seglerinnen, die in der Bundesliga und sogar bei Olympia segeln, waren dabei. Wir hatten Spaß, auch wenn es vor Aufregung auch mal emotional zu ging.
Kennengelernt haben wir viele interessante Frauen. Viele Berlinerinnen waren am Start, und der Gedanke, sich zu vernetzen, wurde viel diskutiert. Auch der Gedanke, mehr Erwachsenentraining zu machen - möglichst vereinsübergreifend - war dabei ein häufiges Thema. Sanni Beucke, selbst Mitglied im NRV, diskutierte mit uns über die verschiedenen Möglichkeiten.
Ausrichter der Regatta war der NRV, der Norddeutsche Regattaverein. Ein sehr erfolgreicher Verein in der Regattaszene mit einer wunderbaren Lage an der Alster, Adresse: schöne Aussicht. Der Name sagt alles. Durchaus vornehm und Top vorbereitet für diese Regatta. Veranstalter ist der Verein „WirsindWir Inclusion in sailing e.V.
Am Start waren 81 Crews mit ca. 340 Seglerinnen.
„Unser Kerngedanke seit 2018: Der Helga Cup ist eine bunte rührige empowernde Regatta für jederfrau, egal, ob Anfängerinnen, Fahrtenseglerinnen, Seglerinnen aus der Nationalmannschaft, Schülerinnen oder Seniorinnen – alle sind Teilnehmerinnen am „Helga Cup“
Die Seglerinnen kamen aus 8 Ländern, und das Alter war von jugendlichen Seglerinnen bis Mitte 70 sehr gemischt.
Gleichzeitig zu den J70 Rennen fand eine inklusive Regatta statt, bei der auf 2 Personen Inklusion Booten jeweils eine behinderte Frau mit einer nicht behinderten Frau segelte. U.a. waren Rollstuhlfahrerinnen, sehbehinderte, bewegungseingeschränkte Frauen am Start. Sie sind Teil dieser Gemeinschaft und gehören beim Helga Cup selbstverständlich dazu, sind Teil der Regatta und feiern und freuen sich gemeinsam mit allen anderen Seglerinnen.
Mein Fazit:
Wir waren ein tolles Team, und nur als gesamtes eingespieltes Team waren wir eine Einheit. Wir hatten mit Inken eine Steuerfrau, die uns sicher über die Kurse gebracht hat. Kerstin brachte ihre Erfahrung aus vorangegangenen Helga Cups ein, Barbara und ich wurden ein Team auf dem Vorschiff. Sophie hat uns super gecoacht und ist mit Lust im Wechsel mit an Bord gewesen; denn gesegelt wird immer nur zu viert. Für das nächste Jahr hat sie schon eine Juniorenmannschaft zusammengetrommelt; denn der Spirit der Regatta ist einzigartig.
Es war für mich das aufregendste Segeln meines Lebens. Es war sehr besonders, nur mit Frauen zu segeln, es war fröhlich und anstrengend und bis an die Grenze fordernd, es war Teamspirit, es war lustvoll und inspirierend. Ich habe viel gelernt und würde gerne weiter lernen: kurz ich werde nächstes Jahr wieder dabei sein.
Beate Naber
